Es ist ein Trugschluss, das Wiedersehen Freude macht, nur weil es melancholisch die Rückholung von etwas Vergangenem bezeichnet und also Verfügbarkeit suggeriert. Zur Spielzeiteröffnung hätte man sich von Frankfurt bis Mannheim gern das Wiedersehen mit zweierlei erspart: Zuerst sind da diese Typen. Diesen typisiert zugeschnitzten Figuren, die in den letzten Jahren so ubiquitär geworden sind auf deutschen Bühnen. Natürlich sind jene Regisseure, die Menschenkerne so zärtlich-präzise herausschälen können wie einst Jürgen Gosch, eine Rarität. Doch dies hochfrequente Tollhaus, in dem sich lauter Eichhörnchen auf Speed begegnen, die keine Facetten mehr spielen dürfen, sondern nur noch Schablonen, das ist jetzt wirklich durch. Nicht zuletzt, weil man sich fragt: Sollen wir das sein, wirklich? Dieser hysterisierte, kopflose Haufen isoliert nebeneinanderher spukender Gestalten, die den leisen Ton, die subtile Geste nicht mehr kennen? Und dann, bitteschön, wollen wir diese dumpf brummenden Klangteppiche aus postmodern zusammengeflickten Loops von Barock bis Pop nicht mehr hören, die längst kein ästhetisches Stilmittel mehr sind, denn dann müssten sie ja Sinn und tiefere Bedeutung generieren, sondern nur ein scheinautomatischer Selbstläufer, der diffus dann Spannung herstellt, wenn die Regie einmal nicht weiter weiß. Und nun hauchen wir zum Abschied leise „Servus“.
Das — macht vom — bis — Ferien. Ich bin in dieser Zeit nicht erreichbar und lese auch keine EMails. Bitte schreiben Sie mir nach dem –.
I am not checking emails until –.
All the best –
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Sehr geehrte Damen und Herren,
vom — bis einschließlich — bin ich nicht an meinem Arbeitsplatz. Ihre E-mail wird nicht automatisch weitergeleitet und erst nach meiner Rückkehr beantwortet.
I will be out of office from — until — due to the institutes summer closure. Your E-mail will not be forwarded.
Mit freundlichen Grüßen / Kind Regards
–
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Vielen Dank für Ihre Mail. Ich bin voraussichtlich bis zum — außer Haus. Bitte wenden Sie sich an meine Kollegen — , — oder — . Sie erreichen sie unter –.
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Einige Tode gestorben in den letzten Tagen, serielle Selbstmorde am Donnerstag, wo Kathleen Morgeneyer sich mal um mal in den Kopf schoss, dieser in den Nacken fiel, ihre Beine nach links wegsackten und sie zu Boden ging. Wieder aufstand. Beim nächsten Schuss wiederum der Kopf in den Nacken fiel, ihre Beine nach links wegsackten, sie zu Boden ging. Eine serielle Zumutung, dieses HORROR VACUI von Auftrag: Lorey, eine Aneinanderreihung der unmöglichen Momente, die überraschend gelingen: Das Reenactment von Bühnentoden, beispielsweise. Das Erzählen letzter Bilder. Das Errechnen der Beschleunigung im freien Fall, ironisch-poetisch verquickt mit Heideggers Begriff des Werdenden und ein bisschen Lokalkolorit: Wenn man auf die Zeil spränge, wäre das also konsumkritisch. Erstaunlich, alles in allem, wie da eine Schauspielerin im schwarzen Technikeroutfit, einziger Glamourpunkt ein silberner Gürtel, nach Darstellungsweisen des Undarstellbaren sucht: In frühere Rollen schlüpft und stirbt, mit plötzlich wieder emporgehender Mädchenstimme, trocken Szenenkommentare einschiebend. Wie sie von letzten Bildern erzählt, von jenem, das wir vor Augen haben, wenn wir sterben, von jenem, das wir unseren Hinterbliebenen bieten nach unserem Tod – das ungeheure der gebrochenen Augen, aus denen nun nichts mehr zurückblickt. Von Aufnahmen, die sie nicht zu sehen bekommen hat: Sie zeigen laufende Kameras im freien Fall, Aufzeichnungen von Stürzen aus großer Höhe, die fallende Kamerafahrt. Und sie bietet an, was monströser ist als die zuvor gespielten Sterbeszenen: Eine minutiöse Schilderung der Zerstörung des Körpers beim Aufprall, und Morgeneyers Leib wird zum Exempel, an dem der Zuschauer imaginär dieses Zerschellen nachvollzieht, das Splittern der Knochen, das Zerreißen der Organe, den fallenden Schädel, der in der Hüftwanne landet. Von anderer Ungeheurlichkeit dann MARIA STUART gestern, die Verhandlung eines künftigen Gewaltaktes, der als Staatsakt ausgegeben wird. Zwei Königinnen Stirn an Stirn, die Inhaftierte von ungleich größerer Freiheit und größerem Stolz als die Regierende, welche ihre Zwänge schlecht zu verbergen weiß. Ein kanarienvogelgelber Clown, eine Fratze der Macht und der Nötigungsakte, die sie mit sich bringt. Da geht der innere Blick wieder zurück ins Bockenheimer Depot, vor dessen geöffneten Fenstern Statisten aufzogen, starr hineinschauend wie ein Chor, den Zuschauern zuschauend aus unerreichbarer Position. Bis ein Todesengel sie abknallt, einen nach dem anderen, mit einem Fingerschnipsen und zum Ariengetön: und tschüs!
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Bei der frühmorgendlichen Heimkehr steht Atem vor dem Mund, und schon von weitem sehe ich meinen Nachbarn, der das Laub vor seinem Internetcafé zusammenkehrt. Mir warmen Blicks entgegenlächelt, und wir stehen und sprechen eine Weile, während der Verkehr vorbeirauscht und die Blätter nicht aufhören, zu fallen. Er habe ein arabisches Sprichwort gelernt: Das Leben sei für die Menschen, die Arbeit für die Esel. Aber seitdem er in Deutschland lebt, sei es umgekehrt, da arbeite er wie ein Esel. Sagt’s und lacht breitmundig, erzählt, dass er einmal Sportler gewesen sei, wo auch immer, und währenddessen huschen die ersten Studenten mit schlafverhangenem Blick und bunten Schuhen die Stufen zu seinem Laden hinauf. Noch auf einen Kaffee? Nein, der Schreibtisch wartet. Ein schwerfällig flatternder Eichelhäher im Baum vor dem Fenster. Und der Nachbar im Haus schräg gegenüber, der sich alle Stunde aufs Fensterbrett hinauslehnt und eilig in die Kälte raucht.
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„Eine Linie ist etwas Erstaunliches, Wunderbares!“, findet der Kartograph, der durch Google-Earth arbeitslos wurde und nun den Küstenlinien der Welt folgt. Auf seinen Wanderungen hat er eine andere Linie stets im Blick: Die des Horizonts. Sie ist eine Grenze der Verheißung, ein Versprechen auf etwas noch Unsichtbares, Jenseitiges, das die Entdeckungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts zu finden trachteten. Doch lässt sich Erkenntnis nur durch Fortschritt und Grenzüberschreitung gewinnen? Nein, meinte der französische Weltumsegler Louis-Antoine de Bougainville im 18. Jahrhundert. Im Alter aber tauschte er die permanente Grenzüberschreitung in drei Dimensionen und 360 Grad gegen zwei Dimensionen ein: Er richtete sich ein Häuschen an einem Kap in der Normandie her, wo er fortan im Morgenmantel am Fenster saß und sich in Horizontbetrachtungen versenkte: „Ich sehe die Welt in schmalen Ausschnitten und denke mir den Rest. Oder sehne mich nach dem Rest. Oder bilde ihn mir ein.“
In seinem Hörspiel „Bout du monde/Ende der Welt“ geht das Liquid Pengiun Ensemble auf Recherche in Bougainvilles Fußstapfen. Das „Hörspiel des Jahres 2009“ ist eine hübsche Dokufiktion, in der Katharina Bihler und Stefan Scheib das kleine Museum aufsuchen, das angeblich am Ort der Horizontbetrachtungen steht, und dort besagten Kartographen treffen und andere Personen, die es dem Entdecker nachtun, von der Entschlackung durch Reduktion berichten und von der Schönheit des Vogelflugs. Da sind beispielsweise ein Maler, der jedes Jahr eine einzige Linie auf die Leinwand pinselt, und ein Musik-Trio, das sich von der Horizontlinie als Notenblatt inspirieren lässt. Das ist herrlich versponnen und zugleich ziemlich zeitnah.
Mit unerhörter Leichtigkeit und feinem Humor wird Fortschritts- und Gegenwartskritik betrieben, Progression und Expansion sind hier keine Ideale mehr, denn der Erkenntnisgewinn liegt nicht in der vielberufenen Horizonterweiterung, sondern in fernöstlich anmutender Begrenzung. Der beschränke Blick wird zur erkenntnispraktischen Methode erhoben, und die alte Redeweise, man sehe nur das, woran man glaube, ins Potenzielle geöffnet: Einen Pinguin am Ärmelkanal könne man eben nur sehen, schreibt Bougainville einmal ins Notizbuch, wenn man ihn für möglich halte. Dieser Pinguin, das ist nicht weniger als der Mut zur Utopie, die anstelle von Horizontflucht und Fortschrittsglauben tritt – und das vor der akustischen Kulisse des Wellenrauschens und Möwenschreiens, beglückend wie ein Tag am Meer.
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Tocotronic punkrocken Offenbach
Zwischen zwei Liedern hält Dirk von Lowtzow inne und lächelt versonnen: „Es macht irgendwie Spaß, euch zu zusehen.“ Wenn dies ein Kompliment ist, dann kann man es nur erwidern: Danke! Ebenso! Beim Konzert im Offenbacher Capitol sind Tocotronic sichtlich gut aufgelegt, von Lowtzow, der sonst Ansagen und Zwischentexten meidet, nahezu geschwätzig und barrierefrei, als sei Coolness gestern gewesen. Und auch im immer wieder bizarr-schönen Saal des Capitols herrscht nichts als entspannte Ausgelassenheit. Gerade erst ist die Tour zum neuen Album „Schall und Wahn“ gestartet, und durchs Konzert weht der alte Punkrockgeist, das Versprechen der Negation im immer wieder neu schillernden Diskursgewand: Eröffnet wird mit einem „Liebeslied“, wie von Lowtzow freundlich-süffisant anmoderiert, „Eure Liebe tötet mich“, der erste Song des neuen Albums. Das klingt punkrockiger als die letzten beiden, wenn sich auch mit Streichorchester zwischendurch das Cinemascope öffnet, die ganz große Klangtapete.
Etwas vom Blick zurück tönt im schallenden Wahn, und so spielen Tocotronic nur vier, fünf neue Lieder, und dazwischen allerlei Altes, was die Fanbeine zucken, die Augen im Scheinwerferglanz leuchten und die Münder froh mitsingen lässt: „Verschwör dich gegen dich“, „Sag alles ab“ und „Kapitulation“ vom gleichnamigen Album aus 2007. Ein „Lied über etwas sehr Gefährliches: die Heimat“ (von Lowtzow), „Aber hier leben, nein danke“ von „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005). Und dann springt der schlaksige Arne Zank hinterm Schlagzeug hervor und singt „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“, streckt die bebenden Arme gen Himmel und macht mit einer mitreißenden Lust die Rampensau, dass es eine helle Freude ist. Denn bei allem Diskursballast und Zitatenschwere, der sloganhaften Trotzigkeit und passionierten Infragestellung ist dies noch immer ein Rockkonzert – und es rockt gewaltig. „Was du auch machst, mach es nicht selbst…“ Rocken oder rocken lassen? Am Schluss spielen sie ihr allererstes Lied, das „auf ziemlich erschöpfende Weise die Desillusionierung behandelt“: „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“… wie sieht es mit der Bereitschaft aus, 15 Jahre später? Die alten und die neuen Lieder schließen fast nahtlos aneinander an, unüberhörbar die relative musikalische Schlichtheit der frühen Stücke, doch der Versuch, das Einspruchs- und Widerstandspony immer wieder von einem anderen Eck aufzuzäumen, den Blickwinkel zur Infragestellung zu ändern, der ist offensichtlich – und macht großen Spaß. Von der gepflegten Selbstironie, die von heute aus gewissermaßen hinterrücks die Zeilen illuminiert, mal ganz zu schweigen: „Ihr habt mir viel zu oft / auf die Schulter geklopft / und ich glaub nicht daran / dass ich ohne das Klopfen noch kann…“ Oder war es ohne das Klatschen? Jedenfalls: Dankeschön, Offenbach! Und Frankfurt natürlich auch.
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Gestern an der Abendkasse, vor mir in der Schlange ein gut aufgelegtes Pärchen. Während sie ihre Kartenbestellung aufgeben, frotzeln sie herum, bis die Frau dem Kartenverkäufer jenseits der Glasscheibe durchs Mikrofon zuruft: „Bitte doch nur eine Karte!“ Sie grinst, doch der Mann hinter der Scheibe zieht eine düstere Mine, sodass sie sofort nachschiebt: „War nur ein Scherz.“ Und dann er, noch immer verfinstert: „Das sagen Sie!“ Und sie, halb im Spaß, halb im Unglauben: „Wie, sind denn schon Ehen an der Abendkasse zerbrochen?“ Er senkt den Blick und nickt bitter: „Ja. Sie glauben nicht, was hier manchmal passiert! Da geht das Theater schon los!“ Beispielsweise überwerfe man sich über der Streitfrage, wessen Konto mit was warum belastet wurde oder wird. Da beginne das Drama schon vor dem ersten Läuten, und ins Theater, ins Theater brauche ER schon gar nicht mehr zu gehen.
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