„Eine Linie ist etwas Erstaunliches, Wunderbares!“, findet der Kartograph, der durch Google-Earth arbeitslos wurde und nun den Küstenlinien der Welt folgt. Auf seinen Wanderungen hat er eine andere Linie stets im Blick: Die des Horizonts. Sie ist eine Grenze der Verheißung, ein Versprechen auf etwas noch Unsichtbares, Jenseitiges, das die Entdeckungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts zu finden trachteten. Doch lässt sich Erkenntnis nur durch Fortschritt und Grenzüberschreitung gewinnen? Nein, meinte der französische Weltumsegler Louis-Antoine de Bougainville im 18. Jahrhundert. Im Alter aber tauschte er die permanente Grenzüberschreitung in drei Dimensionen und 360 Grad gegen zwei Dimensionen ein: Er richtete sich ein Häuschen an einem Kap in der Normandie her, wo er fortan im Morgenmantel am Fenster saß und sich in Horizontbetrachtungen versenkte: „Ich sehe die Welt in schmalen Ausschnitten und denke mir den Rest. Oder sehne mich nach dem Rest. Oder bilde ihn mir ein.“
In seinem Hörspiel „Bout du monde/Ende der Welt“ geht das Liquid Pengiun Ensemble auf Recherche in Bougainvilles Fußstapfen. Das „Hörspiel des Jahres 2009“ ist eine hübsche Dokufiktion, in der Katharina Bihler und Stefan Scheib das kleine Museum aufsuchen, das angeblich am Ort der Horizontbetrachtungen steht, und dort besagten Kartographen treffen und andere Personen, die es dem Entdecker nachtun, von der Entschlackung durch Reduktion berichten und von der Schönheit des Vogelflugs. Da sind beispielsweise ein Maler, der jedes Jahr eine einzige Linie auf die Leinwand pinselt, und ein Musik-Trio, das sich von der Horizontlinie als Notenblatt inspirieren lässt. Das ist herrlich versponnen und zugleich ziemlich zeitnah.
Mit unerhörter Leichtigkeit und feinem Humor wird Fortschritts- und Gegenwartskritik betrieben, Progression und Expansion sind hier keine Ideale mehr, denn der Erkenntnisgewinn liegt nicht in der vielberufenen Horizonterweiterung, sondern in fernöstlich anmutender Begrenzung. Der beschränke Blick wird zur erkenntnispraktischen Methode erhoben, und die alte Redeweise, man sehe nur das, woran man glaube, ins Potenzielle geöffnet: Einen Pinguin am Ärmelkanal könne man eben nur sehen, schreibt Bougainville einmal ins Notizbuch, wenn man ihn für möglich halte. Dieser Pinguin, das ist nicht weniger als der Mut zur Utopie, die anstelle von Horizontflucht und Fortschrittsglauben tritt – und das vor der akustischen Kulisse des Wellenrauschens und Möwenschreiens, beglückend wie ein Tag am Meer.
