Das Rauschen

Ungewiss, wann es begonnen hat. Es suppte herüber aus der elektronischen Musik, von der Clubkultur der Remixe und Loops. Es blieb als Rest der Geräusche in der Musik, die Maschinen und ihre Mechaniken erzeugten, es blieb als Spur des Scratchings und des Synthesizer-Brummens, in dem das Gemacht-werden der Musik hörbar wird. Ungewiss, wann es begann. Doch es ist gewiss, dass das Rauschen seit einigen Jahren seinen festen Platz auf deutschen Bühnen hat. Unter Rauschen, sagt Wikipedia, verstehe die Physik „eine Störgröße mit breitem unspezifischem Frequenzspektrum“, erzeugt durch „messbare unregelmäßige Stromschwankungen“. Verzeichnet werden unter anderem Hintergrundrauschen, Funkelrauschen und Schrotrauschen, die reinste Schwankungslyrik.

Die klangliche Unspezifik ist es, die in Inszenierungen Spannung erzeugt und Ungewissheit schafft: Da dräut etwas! Oft genug weiß man nicht, was, oft genug wird schlicht ein temporärer Ungewissheitsraum produziert, eine Bildstörung, in der das reinrauschende Störgeräusch das Gesehene kontaminiert und den Zuschauer aus seiner sicheren Betrachtung reißt. War da was? Ein Ungewissheitsraum, der, jetzt, wo ich es schreibe, auch von Lynchs Filmen und Badalementis Musik inspiriert sein kann: Schafft diese doch mit dumpfem Dröhnen, Rauschen und Brummen von Filmbeginn an einen Körper, einen fremden Leib, in den der Betrachter eingeht wie ein einen fremden Traum, kraftvoll und übernah. Tagträume, Alpträume, die geradewegs in doppelbödige Situationen und doppelte Existenzen hineinführen. Im Theater aber lauern keine Schwarzen Männer mehr hinter Häuserecken, sie wurden rausexorziert. Das Rauschen bleibt als dramaturgisches Hilfsmittel, das – eingesetzt mit mehr oder weniger Verstand – das kollektive Gedächtnis anspielt.

Doch das ist nur eine Antwort, womöglich kommt dem gemeinsam Erinnerten hier noch eine andere Rolle zu. Denn im Rauschen kommen neue Protagonisten zur Sprache: Die Maschinen und Rechner, Kommunikations- und Verkehrsmittel in ihrer alltäglichen Omnipräsenz, die Hand am Knopf, den Hörer am Ohr, die sanft ratternde Tastatur unter den Fingern. Rechner mit ihren sirrenden, klickernden Festplatten und Laufwerken, die abfallenden Funknetze der Mobiltelefone, „hallo? hallo?“, das Rauschen des Verkehrs und das Dröhnen der Flugzeuge. Badalamentis Kompositionen sind längst zum Soundtrack unseres Alltags geworden, wir sind immer schon eingetreten in einen kontinuierlichen, kaum mehr vernehmbaren Schallraum, einen bildschirmerhellten Tagtraum der Gleichzeitigkeit. Er gleitet oder stockt, summt oder stört, und die Schwarzen Männer haben es nicht mal mehr nötig, zu erscheinen. Sie sind schon da. Jetzt auch in Ihrem Theater.

 

 

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