Let’s talk about Collectivism

Dieser Text entstand für das Projekt BLOGMA der finnisch-britischen Performancegruppe Oblivia und ist dort auch zuerst erschienen.

Wir leben in Zeiten der Akkumulation, der Zusammenrottung und Verdichtung. Kommunikations- und Verkehrsmittel schaffen neue Formen permanenter Gemeinschaft, es verdichtet sich in den städtischen Ballungsräumen – und auf den Verkehrswegen dazwischen. Die Formen des Miteinander-seins, die hier geschehen, sind stets definiert durch eine Raffung von Zeiträumen, durch Ankunfts- und Offlinezeiten. Auch und gerade die immateriell gewordene Arbeit ist eine, in der Kollaborationen zentral geworden sind: Wir werden gerade dort sichtbar, wo wir gemeinsam erscheinen. Die Philosophin Bojana Kunst spricht gar von einem „kollaborativen Exzess“. Diese Kollaborationen sind essentiell temporär, sie sind an Deadlines geknüpft (und liegen häufig genug auch in ihnen begründet). Somit ist der Möglichkeitsraum, den jedes Zusammen darstellt, schon auf seine Festlegung und Beendigung hin konditioniert, das Potenzial jeder Kollaboration ist in seinem Ziel immer schon erschöpft. Mit ihm ist der Fluchtpunkt des Künftigen, den die Moderne barg, verschwunden: An ihre Stelle ist die Zeitgenossenschaft getreten, verbindungslos zu Vergangenheit wie Zukunft hält es sich in einer ewigen Gegenwart. In den Bruchkanten der permanenten Vernetzwerkung aber siedelt sich eine neue Möglichkeit an: Let’s call it collectivism.

Kollektivismus fällt nicht mit dem Kollektiv zusammen, mit einer Utopie des Gemeinsamen, wohl aber mit Annäherungen und Auseinandersetzungen mit demselben. Er ist weniger eine Epoche als eine Strömung: Viele Künstler, Philosophen und Theoretiker setzen sich derzeit mit den Möglichkeiten des Miteinanderseins und –arbeitens auseinander. Denn ist nicht ausgemacht, dass wir wissen, was es heißt, miteinander zu sein: „Was will dieses Wuchern von uns?“, fragt der Philosoph Jean-Luc Nancy angesichts der Verdichtung, die unter anderem den Namen Globalisierung trägt. Ihm nach will uns das Wuchern ankündigen, „daß wir noch nicht zu entdecken begonnen haben, was es mit dem Zu-mehreren-sein auf sich hat“. Uns steht die Entdeckung des Gemeinsamen also noch bevor. Am Ende des neoliberalen Zynismus, im Zeitalter der Postironie wird Sehnsucht verlautbar: „Wir sind wie ein Meer, ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Flut, ein Strom“ heißt es im Manifest des deutschen Performancekollektivs andcompany&Co. Im Wissen um den kollaborativen Exzess, um die kapitalistische Erschöpfung des Zusammenseins macht der Kollektivismus einen Unterschied. Künstler versuchen, zuallererst natürlich in der Arbeit als Kollektiv, dem Gemeinsamen einen neuen Ort einzuräumen. Denn es sind neue Raum-Zeiten unabdingbar, die eine Simultaneität des Getrennten ermöglichen, welches Nancy als „singular plural sein“ bezeichnet. Auf der Grenze von Performance und Installationskunst werden Räume des Gemeinsam-seins entworfen, die neue Formen der Partizipation erproben, begehbare Räume, die keine fixe Ordnung von Produktion und Rezeption vorgeben, sondern in der der Zuschauer vielmehr zum Gast und zum Ko-Produzenten wird, der zwischen Dingen, Performern und anderen Gästen umherwandern kann, auf sie reagieren und seine eigene Aufmerksamkeit lenken. Diese Öffnungen des Raumes sind auch solche der Zeit, in denen die ausdefinierten Zeiträume ihr Gewicht verlieren.

Beispielsweise öffnet das deutsche Performancekollektiv Showcase Beat Le Mot in „Alles“ der Dauer einen Raum. Systematisch wird der Zuschauer, der hier vielmehr Gast, Streuner und Komplize ist, in einen Zustand der Entspannung und Erwartungsfreiheit gebracht: Er wird vom Moderator mit eingängigem Witz abgeholt, von schleppenden Downbeats angespielt, in die Pianoakkorde branden, er wird von der Bar im Bühnenhintergrund angelockt und von der Neugier in den installativen Bühnenraum hineingezogen, den er betreten, aber auch nur betrachten kann. Über vier Stunden schenkt „Alles“ Zeit. Es ist Performance, Party und Ausstellung zugleich und setzt damit gewohnte Rezeptionsweisen aus. Durch die Öffnung des Raumes ermöglicht es unterschiedliche Bewegungsweisen und Rezeptionshaltungen. So entwickeln sich auch verschiedene Formen des Gemeinsam-seins, Gruppendynamiken, Allianzen und Ausschlüsse. Gemeinsam mit den Performern gehen ihre Gäste auf eine lose Entdeckungsreise durch das Forschungsgebiet Mensch und Leben, in der Alchimistenstube treten sie eine ziemlich praktischen Trip an durch Versuchsanordnungen, um Lebens- und Weltzusammenhänge zu erhellen. Es gibt nichts zu verpassen, alles liegt offen und oft genug geschieht ohnehin minutenlang nichts, während die geübte Zeitraumerfahrung gelassen aus den Fugen gerät. Was für eine Großzügigkeit!

Wir leben in Zeiten der Akkumulation, der Zusammenrottung und Verdichtung. „Das ganze Universum ist voll. Mann kann nichts wegnehmen oder dazutun.“ (Showcase Beat Le Mot) Es gilt, das Wesen dieses „mit“, dieses gemeinsamen und irreduzibel getrennten Seins zu erkunden. Es gilt, Zäsuren einzufügen in die übergroße Nähe fluktuierender Ströme aus Daten, Verkehr und Kapital. Es gilt, neue Ordnungen von Zeit und Raum zu erproben, um den Möglichkeitsraum wieder zu öffnen und das Gemeinsame geschehen lassen zu können: Zeiträume, die andere Seinsweisen ermöglichen, die das Deadline-Race aussetzen und das Gewicht des Miteinanderseins spüren lassen, die irreversibel getrennten Körper, ihr Gewicht im geteilten Raum. Zeiträume, die Ansteckung und Berührung ermöglichen. Zeiträume, die die ausdefinierten, zielgerichteten Formen des Mit-ein-ander-seins aussetzen. Zeiträume, um nichts zu tun, nichts zu erwarten und darin geschehen zu lassen. Um den Kollektivismus zu entdecken, von dem wir noch wenig wissen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s