Zeitkapsel

Einen solchen Ort sollte es in jeder Stadt geben. Beim neuen Berliner Festival „Foreign Affairs“ stand er vor dem Haus der Berliner Festspiele im alten, irgendwie verwaisten Westen der Stadt, der so kindheitsvertraut nach alter Bundesrepublik aussieht. Dort hatte der bildende Künstler und Architekt Kyohei Sakaguchi ein „Mobile House“ hin gebaut, aus Bauabfällen wie Holzresten und ausrangierten Fensterscheiben, um eine Kastanie herum, die jahreszeitgemäß ihre Früchte und etwas raschelndes Laub abwarf. Drei Türen führten hinein in die Glas- und Holzcollage, in einen großen Raum, auf dessen Boden Kissen und Matratzen zum Lagern einluden. Mittendrin: ein schwarzglänzender Flügel, auf dem der Pianist Marino Formenti zwölf Stunden am Tag spielte. In der wunderbar klaren Akustik des Hauses schien jeder Ton körperlich fühlbar, greifbar zu sein, mal in Gruppen, mal allein saß man, lauschte, sah aus den Fenstern ins Herbstlicht. Ein Ort wie eine Zeitkapsel, höchst gegenwärtig und zugleich entrückt, konzentriert, ein Ort, an dem man gern immer wieder einkehren würde.

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Wiedersehen!

Es ist ein Trugschluss, das Wiedersehen Freude macht, nur weil es melancholisch die Rückholung von etwas Vergangenem bezeichnet und also Verfügbarkeit suggeriert. Zur Spielzeiteröffnung hätte man sich von Frankfurt bis Mannheim gern das Wiedersehen mit zweierlei erspart: Zuerst sind da diese Typen. Diesen typisiert zugeschnitzten Figuren, die in den letzten Jahren so ubiquitär geworden sind auf deutschen Bühnen. Natürlich sind jene Regisseure, die Menschenkerne so zärtlich-präzise herausschälen können wie einst Jürgen Gosch, eine Rarität. Doch dies hochfrequente Tollhaus, in dem sich lauter Eichhörnchen auf Speed begegnen, die keine Facetten mehr spielen dürfen, sondern nur noch Schablonen, das ist jetzt wirklich durch. Nicht zuletzt, weil man sich fragt: Sollen wir das sein, wirklich? Dieser hysterisierte, kopflose Haufen isoliert nebeneinanderher spukender Gestalten, die den leisen Ton, die subtile Geste nicht mehr kennen? Und dann, bitteschön, wollen wir diese dumpf brummenden Klangteppiche aus postmodern zusammengeflickten Loops von Barock bis Pop nicht mehr hören, die längst kein ästhetisches Stilmittel mehr sind, denn dann müssten sie ja Sinn und tiefere Bedeutung generieren, sondern nur ein scheinautomatischer Selbstläufer, der diffus dann Spannung herstellt, wenn die Regie einmal nicht weiter weiß. Und nun hauchen wir zum Abschied leise „Servus“.

abwesenheitsnotizen 2

Sehr geehrte Damen und Herren,

vom — bis einschließlich — bin ich nicht an meinem Arbeitsplatz. Ihre E-mail wird nicht automatisch weitergeleitet und erst nach meiner Rückkehr beantwortet.

I will be out of office from — until — due to the institutes summer closure. Your E-mail will not be forwarded.

Mit freundlichen Grüßen / Kind Regards

Liebe zur Leere

Einige Tode gestorben in den letzten Tagen, serielle Selbstmorde am Donnerstag, wo Kathleen Morgeneyer sich mal um mal in den Kopf schoss, dieser in den Nacken fiel, ihre Beine nach links wegsackten und sie zu Boden ging. Wieder aufstand. Beim nächsten Schuss wiederum der Kopf in den Nacken fiel, ihre Beine nach links wegsackten, sie zu Boden ging. Eine serielle Zumutung, dieses HORROR VACUI von Auftrag: Lorey, eine Aneinanderreihung der unmöglichen Momente, die überraschend gelingen: Das Reenactment von Bühnentoden, beispielsweise. Das Erzählen letzter Bilder. Das Errechnen der Beschleunigung im freien Fall, ironisch-poetisch verquickt mit Heideggers Begriff des Werdenden und ein bisschen Lokalkolorit: Wenn man auf die Zeil spränge, wäre das also konsumkritisch. Erstaunlich, alles in allem, wie da eine Schauspielerin im schwarzen Technikeroutfit, einziger Glamourpunkt ein silberner Gürtel, nach Darstellungsweisen des Undarstellbaren sucht: In frühere Rollen schlüpft und stirbt, mit plötzlich wieder emporgehender Mädchenstimme, trocken Szenenkommentare einschiebend. Wie sie von letzten Bildern erzählt, von jenem, das wir vor Augen haben, wenn wir sterben, von jenem, das wir unseren Hinterbliebenen bieten nach unserem Tod – das ungeheure der gebrochenen Augen, aus denen nun nichts mehr zurückblickt. Von Aufnahmen, die sie nicht zu sehen bekommen hat: Sie zeigen laufende Kameras im freien Fall, Aufzeichnungen von Stürzen aus großer Höhe, die fallende Kamerafahrt. Und sie bietet an, was monströser ist als die zuvor gespielten Sterbeszenen: Eine minutiöse Schilderung der Zerstörung des Körpers beim Aufprall, und Morgeneyers Leib wird zum Exempel, an dem der Zuschauer imaginär dieses Zerschellen nachvollzieht, das Splittern der Knochen, das Zerreißen der Organe, den fallenden Schädel, der in der Hüftwanne landet. Von anderer Ungeheurlichkeit dann MARIA STUART gestern, die Verhandlung eines künftigen Gewaltaktes, der als Staatsakt ausgegeben wird. Zwei Königinnen Stirn an Stirn, die Inhaftierte von ungleich größerer Freiheit und größerem Stolz als die Regierende, welche ihre Zwänge schlecht zu verbergen weiß. Ein kanarienvogelgelber Clown, eine Fratze der Macht und der Nötigungsakte, die sie mit sich bringt. Da geht der innere Blick wieder zurück ins Bockenheimer Depot, vor dessen geöffneten Fenstern Statisten aufzogen, starr hineinschauend wie ein Chor, den Zuschauern zuschauend aus unerreichbarer Position. Bis ein Todesengel sie abknallt, einen nach dem anderen, mit einem Fingerschnipsen und zum Ariengetön: und tschüs!

zu bleiben

Bei der frühmorgendlichen Heimkehr steht Atem vor dem Mund, und schon von weitem sehe ich meinen Nachbarn, der das Laub vor seinem Internetcafé zusammenkehrt. Mir warmen Blicks entgegenlächelt, und wir stehen und sprechen eine Weile, während der Verkehr vorbeirauscht und die Blätter nicht aufhören, zu fallen. Er habe ein arabisches Sprichwort gelernt: Das Leben sei für die Menschen, die Arbeit für die Esel. Aber seitdem er in Deutschland lebt, sei es umgekehrt, da arbeite er wie ein Esel. Sagt’s und lacht breitmundig, erzählt, dass er einmal Sportler gewesen sei, wo auch immer, und währenddessen huschen die ersten Studenten mit schlafverhangenem Blick und bunten Schuhen die Stufen zu seinem Laden hinauf. Noch auf einen Kaffee? Nein, der Schreibtisch wartet. Ein schwerfällig flatternder Eichelhäher im Baum vor dem Fenster. Und der Nachbar im Haus schräg gegenüber, der sich alle Stunde aufs Fensterbrett hinauslehnt und eilig in die Kälte raucht.